Bähler, Luzia Emma (1885-1970)--DB15947

Bähler, Luzia Emma (1885-1970)--DB15947

Person

Lebensdaten

14.03.1885-10.02.1970

Mädchenname, Herkunftsort bzw. Heimatort

Uetendorf (BE)

Zivilstand, Konfession, Nachkommen

Ledig; reformiert; ein Adoptivsohn namens Frank Bähler

Soziale Herkunft, verwandtschaftliche Beziehungen

Tochter des Ludwig Christian Gottlieb Bähler, Steinhauermeisters, und der Christina Fankhauser

Ausbildung, berufliche Tätigkeit und Funktionen in der Öffentlichkeit

Ausbildung

Universität Zürich: Dr. 1911, Studium der Volkswirtschaft; Gymnasium Bern

Berufsausübung

Archiv für das schweizerische Unterrichtswesen: Redaktorin 1915-1950; Die Besinnung: Mitherausgeberin 1952-1956 und 1927-1939; Höhere Töchterschule Zürich: Lehrerin (Volkswirtschaftslehre, Handelskorrespondenz und Deutsch) 1914-1922; Mädchenhandelsschule Bern: Lehrerin; Hubersche Schulstatistik der Schweiz: Mitredaktorin; Bureau für die Schweizerische Schulstatistik: Leiterin; Hauswirtschaftslehrerinnenseminar Aarau: Lehrerin für Rechtslehre

Funktionen in landwirtschaftlichen Institutionen

Funktionen in anderen Institutionen

Frauenblatt AG Aarau: Verwaltungsrätin, Mitgründerin 1919

Funktionen in der Politik

Biographische Skizze

Emma Luzia Bähler war Nationalökonomin, Redaktorin und Lehrerin. Sie wurde am 14. März 1885 in Bern geboren und starb am 10. Februar 1970 in Sigriswil. Ihr Vater war der Steinhauermeisters Gottlieb Bähler. Sie studierte Volkswirtschaft an der Universität Zürich und promovierte 1911 bei Heinrich Sieveking. Zeitgenössische Presseberichte feierten sie als 'erste Doktorin der Nationalökonomie' in der Schweiz.

In ihrer Dissertation 'Geschichte und Darstellung des schweizerischen landwirtschaftlichen Unterrichts' hebt Bähler hervor, dass die Landwirtschaft zu wenig Beachtung finde, obwohl ihr eine ebenso grosse Bedeutung zukomme wie der Industrie. Im Zentrum ihrer Argumentation steht die These, dass sich die Landwirtschaft im 19. Jahrhundert von einer rein empirischen Praxis zu einer Wissenschaft entwickelt habe und dass der landwirtschaftliche Unterricht seit dieser Zeit als eigentlicher Motor des agrarischen Fortschritts wirke.

Bähler zeichnet die Entwicklung des landwirtschaftlichen Unterrichts von den frühen Ackerbauschulen über die Winterschulen bis hin zum Wanderlehrtum nach und hebt hervor, dass praktische Tätigkeiten im Schulbetrieb unerlässlich seien, damit Bauern lernen, technische Neuerungen eigenständig zu beurteilen. Dem Landleben schreibt Bähler einen inhärenten Konservatismus zu. Diesen begründet sie zum einen historisch – unter anderem mit der einstigen unfreien Arbeit in der feudalen Landwirtschaft – und zum anderen mit dem Scheitern einzelner Ganzjahresschulen (Kreuzlingen, Aargau, Freiburg), das sie auf ein Misstrauen bäuerlicher Kreise zurückführt. Zugleich zeigt sie jedoch, dass die Entwicklung der Winterschulen, die es den Bauernsöhnen erlaubten, im Sommer auf dem elterlichen Hof mitzuarbeiten, einen bedeutenden Fortschritt in der Ausweitung der landwirtschaftlichen Bildung darstellte. Als eigentliches Ziel dieser Bildung nennt sie einen 'selbständigen, geistig freien und weitblickenden Bauernstand'.

Als wichtige Vordenker der landwirtschaftlichen Bildung in der Schweiz betrachtet Bähler Johann Heinrich Pestalozzi und Fellenberg, Philipp Emanuel von (1771-1844)--DB1025. Pestalozzi wollte Jugendliche aus armen Familien zu Landwirten ausbilden und orientierte sich dabei an der Entfaltung der 'inneren Kräfte' des Menschen. Fellenberg, ein philanthropischer Patrizier, wollte mit der Gründung der Erziehungsanstalt in Hofwyl 'die Agrikultur veredeln'. Er folgte dabei dem Prinzip der Selbsterhaltung sowie der Verknüpfung von Elementarerziehung und Berufserziehung. Aufgrund der hohen Kosten rekrutierten sich die Auszubildenden jedoch überwiegend 'aus den höhern Ständen aus aller Herren Länder'. Dennoch sieht Bähler in Fellenberg den eigentlichen Reformator der schweizerischen Landwirtschaft. Die landwirtschaftliche Bildung müsse laut letztlich zum Humanismus Pestalozzis und Fellenbergs zurückkehren – jedoch auf professionalisierter, wissenschaftlicher Stufe.

n ihrer Dissertation plädiert Bähler ausserdem für die hauswirtschaftliche und landwirtschaftliche Bildung der Bauerntöchter. Mit der Industrialisierung sei es zum 'sittlichen, ökonomischen und hygienischen Ruin der Familie' gekommen, und das 'weibliche Geschlecht' sei 'in der [öffentlichen] Unterstützung unverhältnismässig zurückgestellt'. Als Bäuerin sei man 'Frau, Mutter, Hausverwalterin, Gärtnerin, Feldbebauerin, Viehzüchterin, Ärztin [und] Krankenpflegerin [...]' zugleich. Für junge Frauen vom Land müsse es daher staatlich finanzierten Haushaltsunterricht geben, welcher sie in ihrer 'ethischen, hygienischen und ökonomischen Verantwortung' schule, und sie zu 'tüchtigen, weitsichtigen Bäuerinnen' ausbilde. So begrüsst Bähler auch die erste staatliche Haushaltungsschule für angehende Bäuerinnen, die 1907 in Sursee gegründet wurde (Hauswirtschaftliche Schule Sursee, AfA2817). An dieser Schule wurde unter anderem Wyss-Steiger, Hildegard (1931-2011)--DB3883 ausgebildet. Im 20. Jahrhundert wurden verschiedene kombinierte landwirtschaftlich-hauswirtschaftliche Schulen gegründet, wie beispielsweise die Landwirtschafts- und Haushaltungsschule Schwand-Münsingen, deren erste Direktorin Schneider-Schnyder, Anna (1885-1962)--DB3203 war. Mit ihrer Forderung nach staatlich finanzierter hauswirtschaftlicher Bildung für Bauerntöchter nahm Bähler 1911 akademisch vorweg, was Aktivistinnen wie Gillabert-Randin, Augusta (1869-1940)--DB1259 oder Tappolet-Brühlmann, Emma (1885-1946)--DB3551 (Verband Schaffhauser Landfrauen (VSL), AfA318) in den 1920er- und 1930er-Jahren organisatorisch durchzusetzen begannen. Gillabert-Randin bot beispielsweise während dem Ersten Weltkrieg in der Waadt landw. Hauswirtschaftskurse an.

Ihrer eigenen Überzeugung folgend wurde Emma Bähler nach ihrer Promotion Lehrerin an der Mädchenhandelsschule Bern (1912), an der höheren Töchterschule Zürich (1914-1922) und am Hauswirtschaftslehrerinnenseminar Aarau (bis 1948).

Das schweizerische Bildungswesen beschäftigte Bähler ihr Leben lang. So führte sie im Hinblick auf die Landesausstellung 1914 in Bern eine gesamtschweizerische Schulstatistik durch und wurde Mitredaktorin der Huberschen Schulstatistik der Schweiz. Sie leitete zudem das 'Archiv für das schweizerische Unterrichtswesen' und gab das gleichnamige Jahrbuch von 1915-1950 für die Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren heraus.

An der Töchterschule Zürich und im Archiv für das schweizerische Unterrichtswesen arbeitete Bähler mit der Historikerin Frida Humbel zusammen. Die beiden Frauen gaben ebenfalls von 1927-1939 die religiöse und literarische Zeitschrift 'Die Besinnung' heraus und druckten diese selbst. Gemeinsam gründeten sie zudem die Schweizer Frauenblatt AG, welche die finanzielle Trägerschaft des 'Schweizer Frauenblatts' übernahm. Innerhalb dieser Zeitung verantwortete Bähler das Feuilleton als Redaktorin.

ie Beziehung von Emma Bähler und Frida Humbel ging aber über eine professionelle Zusammenarbeit hinaus: Emma und Frida lebten in Aarau, in Ascona (Ferienhaus) und schliesslich in Aeschi bei Spiez zusammen. Das Thuner Tagblatt schrieb im Februar 1970 im Nachruf von Bähler: 'Diese Freundschaft war auf Lebenszeit angelegt, und die beiden teilten fortan Freud und Leid miteinander. [...] Ein Adoptivsohn belebte die kleine Familiengemeinschaft'. Dieser Adoptivsohn war Frank Bähler (Geburtsname Reiser). Er wurde von Emma adoptiert, als er fast zehn Jahre alt war und genoss eine liebevolle Erziehung durch zwei gut gebildete Frauen, die er 'Mueti und Humbeli' nannte. Frank studierte Kunst- und Architekturgeschichte an der Universität und der ETH in Zürich sowie Design in Harvard. Er wurde Grafiker, Designer und Künstler.

Die ganze Familiengemeinschaft war künstlerisch interessiert. In der Zeitschrift 'Die Besinnung' verarbeiteten Bähler und Humbel kulturelle Strömungen auf literarische Art und Weise. Nach einem kriegsbedingten Publikationsunterbruch nahm Bähler ihre kreative Arbeit in den 1950er-Jahren wieder auf. Sie verfasste Portraits und rezensierte Bücher, wodurch sie in Kontakt zu Schriftstellerinnen und Autoren kam. Von ihren Bekannten und Freundinnen wurde Bähler 'Emmy' genannt und als warmherzige, kluge Person beschrieben. Sie starb am 10. Februar 1970 im Altersheim Merlingen, Gemeinde Sigriswil, nur ein Jahr vor ihrer Lebensgefährtin Frida Humbel.

Autorin: Vita Riese

Quellen und Literatur

Eigene Publikationen

  • Der landwirtschaftliche Unterricht in der Schweiz, in: Archiv für das schweizerische Unterrichtswesen, 1922, S. 3-102
  • Die Verdienste Phil. Eman. v. Fellenbergs um den landwirtschaftlichen Unterricht, in: Neues Berner Taschenbuch, 1912, S. 193-222
  • Beiträge zur Geschichte und Darstellung des schweizerischen landwirtschaftlichen Unterrichts, Dissertation, Bern 1911

Quellen

  • Der Bund, 12.05.1919, S. 4; 18.02.1970, S. 7
  • Schweizerische Lehrerzeitung, 1970, Heft 23, S. 833
  • Thuner Tagblatt, 18.02.1970, S. 11
  • Gosteli-Archiv, Archiv Emma Luzia Bähler (Bestand), AGoF 502

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Bähler, Luzia Emma (1885-1970)--DB15947

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